100 Jahre traditionelle Werte: Solidarität, Toleranz, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit

JUBILÄUM/ Mit einem generationsübergreifenden Familienfest feierte der Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt Augsburg-Land den 100. Geburtstag des bundesweit anerkannten Spitzenverbandes der freien Wohlfahrtspflege. Professor Dr. Thomas Beyer, Vorsitzender der AWO Bayern ließ 100 Jahre Revue passieren.

Von Ingrid Strohmayr

Stadtbergen. Fröhliche Kinder mit ihren Eltern, junggebliebene Senioren, Ehrengäste aus Politik und Gesellschaft feierten mit der großen AWO-Familie am Samstagvormittag den 100. Geburtstag des Sozialverbandes im Haus der Familie in Stadtbergen. Frauenrechte, Vielfalt, Gerechtigkeit und Solidarität sind die Kernthemen, die zum 100-jährigen Jubiläum des Verbandes mit vielen Aktionen bundesweit in den Blick gerückt werden, so auch vom Kreisverband der AWO Augsburg-Land, der zu einem Empfang einlud.

Freudig begrüßten die Jüngsten, die kleinen Buben und Mädchen der Krippe, der Spielgruppe im Haus der Familie und die Deuringer Kindergartenkinder die Festgäste mit dem eigens einstudierten Lied „ Heut´ist ein schöner Tag, an dem sich´s feiern lässt, 100 Jahre A-W-O, ja so ein großes Fest“, das mit viel Beifall belohnt wurde. Kreisvorsitzender Alois Strohmayr, der seit 49 Jahren dieses Amt innehat, freute sich ganz besonders, dass Professor Dr. Thomas Beyer, Vorsitzender der AWO Bayern und stellvertretender Präsident des AWO-Bundesverbandes als Festredner nach Stadtbergen kam.

Dieser skizzierte in seinen Ausführungen auf anschauliche Weise den Werdegang der AWO in Deutschland. Im Januar 1919 wurde Marie Juchacz in die verfassungsgebende Versammlung der Weimarer Republik gewählt. Was heute selbstverständlich scheint, war vor 100 Jahren, am 19. Februar 1919 sensationell. In einem deutschen Parlament hält zum ersten Mal eine Frau ihre Rede. Marie Juchacz setzt sich für soziale Rechtsansprüche ein, um die immense Not der Nachkriegszeit zu lindern und besonders die Gleichberechtigung der benachteiligten Frauen zu fördern. Auch um die helfende Solidarität der Arbeiterschaft untereinander zu organisieren, gelingt ihr am 13. Dezember 1919 die Gründung des „Hauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt“ in der SPD. Es ist der Grundstein einer Erfolgsgeschichte für das Sozialwesen in Deutschland. Zwar wird die AWO in der Zeit des Nationalsozialismus ab 1933 zerschlagen und für mehrere Jahre verboten, doch engagierte Frauen arbeiteten in einer Tarnorganisation im Untergrund weiter. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges finden sich wieder Menschen unter dem roten Herzen zum Neustart der AWO zusammen. Der Antriebsgeist der AWO sind auch heute noch die fünf Grundwerte, die Marie Juchacz vorgegeben hat: Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Toleranz.

„Es gibt noch viel zu tun. Wir haben einen sozialpolitischen Auftrag und sind kein zahnloser Tiger“, sagte Beyer mit Verweis auf 10.000 Plätze in stationären Pflegeeinrichtungen und mehr als 28.000 Betreuungsmöglichkeiten in Kindertagesstätten der AWO in Bayern. Bei vielen Themen sei man Vorreiter gewesen, etwa bei der Schaffung von Krippenplätzen und bei der Forderung nach besserer Förderung der Frauenhäuser. In den 80er Jahren habe die AWO bereits Zentren für Aidsprävention errichtet, als manch einer HIV-positive Menschen am liebsten weggesperrt hätte. Ganz aktuell sei ein Anliegen der AWO Bayern, mehr Hilfen für Menschen mit psychischen Einschränkungen zu schaffen. Schlussappell des AWO-Landeschefs: „Von den Nazis haben wir uns damals nicht unterkriegen lassen. In der heute so komfortablen Welt wollen wir diese alten Zeiten nicht zurück. Wir machen weiter für eine Zukunft, in der Menschen nicht unterschieden und eingeteilt werden.“

„Die Arbeiterwohlfahrt hat sich in Stadtbergen und im Bezirk Schwaben längst unentbehrlich gemacht. Sie ist ein unverzichtbarer Bestandteil im Gesamtsystem der Region und der Stadt Stadtbergen, das äußerst vielschichtige Vorsorge- und Fürsorgewesen wissen wir sehr zu schätzen“, betonte Stadtbergens Erster Bürgermeister Paulus Metz in seinem Grußwort. Stellvertretende Landrätin Sabine Grünwald sieht die AWO als „Sprachrohr“ für eine sozialverträgliche Gesellschaft: „Den Landkreis Augsburg und das Landratsamt verbindet mit der AWO und ihren Einrichtungen eine traditionell gute und konstruktive Zusammenarbeit. Gerade im breiten Betätigungsfeld der Seniorenpolitik sind wir froh um die Wohlfahrtsverbände und die gemeinnützigen und gewerblichen Leistungsträger“. Dr. Heinz Münzenrieder, Vorsitzender des Präsidiums der schwäbischen Arbeiterwohlfahrt würdigte die Verdienste des Kreisvorsitzenden Alois Strohmayr, der bald ein halbes Jahrzehnt ehrenamtlich an der Spitze der Kreis-AWO steht. Er übergab ihm die goldene AWO-Uhr, die ihm ausschließlich schöne Stunden anzeigen möge“..

Mit unterhaltsamen Weisen umrahmte der AWO-Chor aus Großaitingen die 100-Jahr-Feier. Last not least genossen die Gäste gute Gespräche bei Sekt und Häppchen, spendiert von den Ortsvereinen, gekrönt von der Überraschung: einer überdimensionalen AWO-Geburtstagstorte.

 

100 Jahre AWO

100 Jahre AWO. Der Kreisverband Augsburg-Land feierte das bundesweite Jubiläum im Haus der Familie in Stadtbergen. Von links im Bild Kreisvorsitzender Alois Strohmayr, Präsidiumsmitglied MdL Dr. Simone Strohmayr mit Tochter Katharina, Präsidiumsvorsitzender Dr. Heinz Münzenrieder mit dem Landesvorsitzenden der AWO in Bayern Prof. Dr. Thomas Beyer.

Foto: Ingrid Strohmayr